Indie-Musik finanzieren: Wenn die Crowd die letzte Chance ist
Wie sieht es aus mit Förderungen für Indie-Musiker:innen in Österreich? Manchmal scheint ein Crowdfunding die letzte Möglichkeit zu sein, ein Album oder eine Konzerttour zu finanzieren. Das Indie Charts Magazin hat sich dazu mit Pippa unterhalten.
Clara Luzia hat es getan und die Linzer Band Texta – Crowdfunding ist seit Jahren auch für bekanntere österreichische Musiker:innen eine wichtige Möglichkeit, ihre Projekte zu finanzieren. Dabei geht es um die Produktion eines neuen Albums ebenso wie um Zuschüsse für die aktuelle Tour oder Geld für Marketing-Kampagnen.
Auf einer der einschlägigen Plattformen wird dann um Spenden gebeten oder etwa das neue Album, Merch oder ein Wohnzimmerkonzert zum Kauf angeboten. Bestenfalls kommen mehrere Hundert oder gar ein paar Tausend Euro zusammen. Dann kann das Projekt in Angriff genommen werden. Reich wird damit sicher niemand.
Crowdfunding versus Förderungen
Oft bleibt aber keine andere Möglichkeit, Aufnahmen oder Konzerte zu finanzieren. Zwar gibt es in Österreich Förderungen für Musiker:innen, die sich genau solchen Projekten widmen. Aber nicht alle, die darum ansuchen – und das sind viele –, kommen in den Genuss eines Geldregens. Zudem reichen auch die gewährten Fördermittel nicht in jedem Fall aus.
Beim österreichischen Musikfonds etwa trudeln im Rahmen der Produktionsförderung jährlich rund 600 Einreichungen ein, wie Geschäftsführer Harry Fuchs dem Indie Charts Magazin mitteilte. „Im Hinblick auf das uns dafür zur Verfügung stehende Budget in Höhe von 1,273 Millionen Euro können wir nur rund 10 % davon auch tatsächlich fördern“, so Fuchs. Die Folge: Es müssen auch Einreichungen abgelehnt werden, die grundsätzlich alle Kriterien erfüllen.
Ähnlich, aber mit einer deutlich höheren Zusage-Rate, arbeiten die SKE (Soziale und kulturelle Einrichtungen) der Austromechana. Das Verhältnis von Zu- und Absagen in den SKE (SKE-Fonds) liegt laut deren Leiter Markus Lidauer bei ca. 50:50. „Die SKE erhalten jedes Jahr deutlich über 1.000 Anträge. Das ist enorm viel und Absagen sind unvermeidbar“, so Lidauer auf Anfrage des Indie Charts Magazins.
Pippa im Gespräch über Album-Finanzierung
Die Künstlerin Pippa etwa nutzt „nach mehreren Förderabsagen“ eine Art Crowdfunding, um ihr fünftes Album realisieren zu können. Für ein klassisches Crowdfunding fehle ihr aber die Kraft, wie die Musikerin in einem Instagram-Posting erklärt. Entsprechend hat Pippa eine reduzierte Spendenkampagne eingerichtet, mit der sie das Album „Mein Schöner Slow Emotion Club“ (Arbeitstitel) finanzieren will.
Zwar hat sie eine Förderzusage des SKE-Fonds in Höhe von 3.000 Euro für ihr neues Album erhalten. Das macht laut Pippa aber nur einen kleinen Teil der Kosten für die gesamte Album-Produktion aus.
Im Gespräch mit dem Indie Charts Magazin erklärt Pippa, wie sie die aktuelle Lage rund um die Förderungen für Musiker:innen in Österreich einschätzt, was sie allgemein vom Thema Crowdfunding hält und was sie anderen Künstler:innen rät.
Pippa: Ich hatte das große Glück, in der Vergangenheit mehrfach Förderungen für meine Projekte erhalten zu haben, und dafür bin ich wirklich sehr dankbar. Gleichzeitig habe ich mittlerweile den Eindruck, dass ich in einer Art Zwischenposition angekommen bin: Mein Projekt ist kein Newcomer-Projekt mehr, aber als unabhängige Künstlerin finanziert es sich auch nicht von selbst.
Hast du schon einmal eine Crowdfunding-Kampagne für ein Album durchgeführt?
Pippa: Nein, das ist tatsächlich meine erste Crowdfunding-Aktion. Ehrlich gesagt hat mich der große Mehraufwand, der mit klassischen Crowdfunding-Kampagnen verbunden ist, bisher immer abgeschreckt. Als unabhängige Künstlerin stecke ich ohnehin schon sehr viel Zeit und Energie nicht nur ins Songwriting und die Produktion, sondern auch in all die organisatorischen und kommunikativen Aufgaben, die bei einem Independent-Projekt anfallen.
Für eine klassische Crowdfunding-Kampagne braucht es eigentlich noch einmal eine eigene Marketingstrategie – und dafür hatte ich bisher schlicht nicht die Kapazität. Deshalb habe ich mich diesmal bewusst für einen anderen Weg entschieden: sehr direkt, persönlich und ohne großes Drumherum. Ich wollte meine Community einfach ehrlich fragen, ob sie dieses Album gemeinsam mit mir möglich machen möchte.
Du versuchst es jetzt mit einer kleineren Spendenaktion, die du „Mein Schöner Slow Emotion Club" nennst. Was erwartest du dir davon? Wie sind die ersten Reaktionen?
Pippa: „Mein schöner Slow Emotion Club" ist zugleich der Arbeitstitel des Albums. Mit der Spendenaktion wünsche ich mir natürlich in erster Linie, dass ich das Album in der Qualität umsetzen kann, die ich mir dafür vorstelle. Mir ging und geht es dabei aber nie darum, um Geld zu bitten, weil ich glaube, einen Anspruch darauf zu haben. Ehrlich gesagt hat es mich einiges an Überwindung gekostet, diesen Schritt überhaupt zu gehen.
Gleichzeitig wollte ich offen darüber sprechen, dass es als Independent-Künstlerin nicht selbstverständlich ist, auf diesem Niveau weiter Musik machen zu können. Mir ist es wichtig, meine Alben weiterhin mit derselben Sorgfalt und Qualität zu produzieren wie bisher – und dafür brauche ich diesmal Unterstützung.
Die ersten Reaktionen haben mich sehr berührt. Es war unglaublich schön zu erleben, wie viele Menschen sofort gesagt haben: „Wir möchten Teil davon sein.“ Genau das ist für mich der schöne Gedanke an dieser Aktion. Meine Musik begleitet Menschen durch ihr Leben – und jetzt begleiten diese Menschen meine Musik auf ihrem Weg zum nächsten Album. Das fühlt sich sehr besonders an.
Du warst jetzt viel auf Konzerten im deutschsprachigen Raum unterwegs. Wie erlebst du die Besucher:innen? Wären sie bereit dafür, zur Finanzierung beizutragen, jetzt, wo sie dich und deine Musik kennengelernt haben?
Pippa: Was mich auf meiner ersten Deutschland-Tour nach all den Jahren besonders überrascht und tief berührt hat, war zu entdecken, dass es dort Menschen gibt, die meine Musik schon lange begleiten – ohne dass ich überhaupt wusste, dass sie da sind.
Da kommen nach dem Konzert Menschen mit Tränen in den Augen zum Merch-Stand und erzählen mir, dass meine Songs sie seit Jahren begleiten. Ein Paar hat mir gesagt, dass es keinen Geburtstag ohne PIPPA-Musik gibt. Ein anderer Fan ist extra aus Amsterdam angereist. Solche Begegnungen rühren mich viel mehr, als vor einem riesigen Publikum zu stehen.
Genau diese Gespräche geben mir das Gefühl, dass meine Musik etwas bewirken kann. Wenn mir Menschen erzählen, was einzelne Texte für sie bedeuten oder in welchen Momenten sie sie begleitet haben, dann ist das für mich persönlicher Erfolg. Das berührt mich, das nährt mich und motiviert mich, weiterzumachen.
Vielleicht ist genau daraus auch die Bereitschaft entstanden, dieses Album mitzutragen. Aber ich empfinde das nie als selbstverständlich. Umso dankbarer bin ich für jede einzelne Person, die sagt: „Ich glaube an deine Musik und möchte dazu beitragen, dass sie weiter entstehen kann.“
Was unternimmst du für Schritte zur „Kund:innen“-Bindung? Betreibst du einen Newsletter o. Ä.? Wie wichtig sind solche Aktionen deiner Meinung nach?
Pippa: Ich habe nie bewusst Strategien zur Fanbindung verfolgt, wie man sie aus dem klassischen Marketing kennt – obwohl das wahrscheinlich durchaus sinnvoll wäre. Aber das entspricht einfach nicht meinem Wesen. Ich bin privat ein eher introvertierter Mensch und gehe, wie man vielleicht schon aus den vorherigen Antworten herauslesen konnte, nicht automatisch davon aus, dass ich besonders viele Menschen erreiche.
In den letzten Jahren ist mir aber bewusst geworden, wie schön es ist, mit den Menschen, die meine Musik schon lange begleiten oder neu für sich entdeckt haben, Gemeinschaft entstehen zu lassen. Deshalb gibt es inzwischen einen WhatsApp-Newsletter, über den mit meiner Community kommuniziere.
Am wichtigsten sind mir aber nach wie vor die Begegnungen nach den Konzerten. Ich stehe eigentlich immer selbst am Merch-Stand. Für mich sind genau diese Gespräche der Moment, in dem aus einem Konzert eine wirkliche Begegnung wird.
Was würdest du anderen Künstler:innen raten, die vielleicht in einer ähnlichen Situation stecken?
Pippa: Ich bin kein Mensch, der anderen gerne Ratschläge gibt. Ich glaube, jede künstlerische Laufbahn ist anders und jede Person muss ihren eigenen Weg finden. Was für die eine funktioniert, fühlt sich für jemand anderen vielleicht überhaupt nicht stimmig an.
Vielleicht würde ich dazu ermutigen, den eigenen Weg ernst zu nehmen und sich nicht zu sehr mit anderen zu vergleichen. Es ist völlig in Ordnung, sich Unterstützung zu holen, wenn man sie braucht – solange es sich ehrlich anfühlt und zu einem selbst passt. Am Ende merken die Menschen, ob etwas authentisch ist. Und ich glaube, genau das ist langfristig wichtiger als jede Strategie.
Kennst du andere Künstler:innen, die schon mit Crowdfunding Erfolg hatten?
Pippa: Ja, eine Künstlerin, die mir dabei sofort einfällt, ist die wunderbare Violetta Parisini. Sie hat bereits mehrere Crowdfunding-Kampagnen umgesetzt, und ich finde großartig, wie sie das macht. Gleichzeitig habe ich durch sie auch gesehen, wie viel Arbeit, Zeit und Liebe in einer solchen Kampagne steckt.
Genau das hat mir noch einmal vor Augen geführt, dass Crowdfunding eigentlich ein eigenes Projekt zusätzlich zum eigentlichen Musikprojekt ist. Und ich wusste für mich, dass ich diese Energien und Kapazitäten momentan nicht habe. Deshalb habe ich mich für einen direkteren und persönlicheren Weg entschieden.
Danke für das Gespräch!
Fotocredits: Pippa © Elias Partoll
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