Crazykav: „Still Here“ macht die Trilogie voll
Crazykav beendet mit seinem neuesten Album „Still Here“ eine sehr persönliche Album-Trilogie. Ein Abschluss, aber keiner, der sich wie ein Ende anfühlt. Wir haben mit Crazykav über sein Album, seine musikalische Entwicklung und seine Zukunftspläne gesprochen.
Indie Charts Magazin: In unserem letzten Gespräch (Indie-Charts Magazin, 2024) hast du angekündigt, dass dein nächstes Album den thematischen Kreis zu deinen früheren Werken schließen soll. Nun beendet „Still Here" tatsächlich eine Trilogie. Ist damit jetzt für dich auch persönlich ein Kapitel abgeschlossen? Wie fühlt sich das für dich an?
Crazykav: Ja, damit ist tatsächlich ein Kapitel für mich abgeschlossen. Das erste Album hat ja damit begonnen, dass ich mich nach dem Tod eines engen Freundes sehr intensiv mit meiner eigenen Sterblichkeit auseinandergesetzt habe. „Listen To This" hat sich dann stärker mit Liebe und dem Verlust davon beschäftigt, und auf „Still Here" kommen viele dieser alten Themen noch einmal zusammen, aber eben auch neue.
Ich glaube, nach diesen drei Alben ist zu mir, meiner Vergangenheit und vielen Dingen, die mich lange beschäftigt haben, erst einmal genug gesagt. Das bedeutet nicht, dass diese Erfahrungen plötzlich keine Rolle mehr spielen, aber ich habe nicht mehr das Gefühl, dass ich sie musikalisch unbedingt weiter aufarbeiten muss.
Und das fühlt sich eigentlich sehr gut an. Es ist ein Abschluss, aber keiner, der sich wie ein Ende anfühlt. Eher wie die Möglichkeit, den Blick jetzt auf andere Dinge zu richten und herauszufinden, worüber ich als Nächstes schreiben möchte. Und tatsächlich geistern mir auch schon die ersten Ideen für neue Musik durch den Kopf.
Der Titel „Still Here" klingt zugleich kämpferisch, erleichtert und ein wenig trotzig. Was bedeutet der Satz für dich persönlich – und an wen richtet er sich?
„Still Here" ist eigentlich sehr wörtlich gemeint. Bis Mitte zwanzig war ich aus verschiedenen Gründen tatsächlich davon überzeugt, dass ich es wahrscheinlich nicht bis 30 schaffen würde. In meinen Dreißigern habe ich dann oft Witze darüber gemacht, dass ich eigentlich schon auf Bonuszeit lebe. Und jetzt bin ich immer noch hier.
Meine Vergangenheit hat mich nicht gebrochen. Ich habe versucht, aus dem, was mir zur Verfügung stand, etwas zu machen und meinen Weg zu gehen. Und was für mich fast noch wichtiger ist: Ich bin trotz allem ein ziemlich positiver Mensch geblieben, auch wenn man das meiner Musik wahrscheinlich nicht immer anhört.
Deshalb richtet sich der Titel auch gar nicht unbedingt an eine bestimmte Person. Er ist eher eine Feststellung. Nach allem, was passiert ist, nach all den guten und schlechten Dingen: Ich bin immer noch hier. Also ja, „Still Here" bedeutet für mich tatsächlich ziemlich genau das, was da steht.
Das Album blickt auf Erfahrungen mit Verlust, Liebe und Verletzungen zurück. Hat sich durch das Schreiben der Songs auch dein Blick auf deine eigene Vergangenheit verändert?
Ich reflektiere meine Vergangenheit schon sehr lange, und das passiert natürlich nicht nur durch die Musik. Aber wenn man immer wieder über bestimmte Erfahrungen schreibt, verändert sich mit der Zeit zwangsläufig auch der Blick darauf.
Vor 25 Jahren habe ich vieles sehr stark aus einer Opferperspektive gesehen. Heute kann ich erkennen, dass mich diese Erfahrungen natürlich geprägt und in vieler Hinsicht auch stärker gemacht haben. Gleichzeitig glaube ich, dass sie mich verständnisvoller gegenüber anderen Menschen gemacht haben. Das war nicht immer so und war definitiv ein Prozess.
Mein Songwriting war dabei immer eine Art Ventil. In meinen Songs konnte ich Dinge aussprechen, die ich mich im echten Leben vielleicht nicht getraut hätte zu sagen. Ich konnte Wut, Trauer, Verletzungen oder Ängste formulieren, ohne sie jemandem direkt gegenüber aussprechen zu müssen.
Interessanterweise hat sich das mit der Zeit verändert. Gerade weil ich diese Dinge so lange in meiner Musik ausgesprochen habe, bin ich heute auch außerhalb davon besser darin geworden, sie direkt anzusprechen. Vielleicht brauche ich die Musik deshalb heute ein bisschen weniger, um mich hinter ihr zu verstecken, und kann sie mehr dafür nutzen, Geschichten zu erzählen.
„Still Here" klingt deutlich härter und größer als seine Vorgänger. Warum brauchten gerade die Geschichten auf diesem Album mehr Rockgitarren und Wucht?
Der Wunsch, etwas Größeres und Rockigereszu machen, war tatsächlich schon vor der endgültigen Songauswahl da. Nach den beiden Vorgängeralben wollte ich einfach mehr von meiner Stimme zeigen und musikalisch wieder mehr experimentieren.
Rock ist für mich ja auch nichts völlig Neues. Ich habe früher schon in verschiedenen Rockformationen wie Luscious Grape, Ubiks Cube oder Intergang gesungen und war musikalisch immer wieder mal etwas lauter unterwegs. Diese Seite von mir wollte ich auf „Still Here" wieder stärker zeigen.
Da das Album gleichzeitig den Abschluss der Trilogie bildet, wollte ich auch stilistisch extrovertierter werden. Mit genau dieser Anforderung bin ich zu meinem Produzenten Lukas Wiltschko von lwsonics gegangen. Ich habe ihm von Anfang an gesagt, dass ich produktionstechnisch in eine Richtung wie Foo Fighters oder Audioslave gehen möchte. Nicht mit dem Anspruch, genauso zu klingen, das wäre auch gar nicht sinnvoll gewesen, sondern diese Energie und diese Wucht als Orientierung zu nehmen.
Einige Songs habe ich dann auch ganz bewusst in diese Richtung geschrieben. Manche Themen wollte ich diesmal eben nicht nur melancholisch erzählen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes rausschreien. „I'm Alright" oder „What's Wrong" sind dafür wahrscheinlich die besten Beispiele. Und ich glaube, gerade nach zwei eher introspektiven Alben war es für mich einfach an der Zeit, auch diese lautere Seite wieder rauszulassen.
Ion Mihaescu war für die Arrangements verantwortlich, Lukas Wiltschko für die Produktion. Was haben die beiden in die Songs eingebracht, auf das du allein möglicherweise nicht gekommen wärst?
Meine Songs entstehen meistens zu Hause auf der Akustikgitarre, zumindest in ihrer ersten Form. Mit Ion spiele ich ja auch bei Intergang zusammen und wusste deshalb, dass er diese rockige Seite sehr gut kann und vor allem unglaublich viele gute Ideen mitbringt.
Der Prozess war diesmal besonders spannend, weil ich ihm teilweise auch ältere Songs gebracht habe, für die es bereits Arrangements gab. Ich habe ihm dann relativ viel Freiheit gegeben und gesagt: Versuch, deine Ideen mit meiner Vision von diesem Album zu verbinden. Natürlich gab es dabei auch Momente, in denen mir etwas zu experimentell wurde oder sich zu weit von meiner ursprünglichen Idee entfernt hat. Aber genau dieser Austausch gehört für mich dazu.
Wenn ich mir heute anhöre, was auf dem Album allein gitarrentechnisch passiert und wie viel komplexer manche Strukturen im Vergleich zu meinen früheren Arbeiten geworden sind, dann ist Ions Einfluss enorm. Er hat es sehr oft geschafft, genau die Energie einzufangen, die ich mit einem Song erreichen wollte, und daraus etwas deutlich Größeres und imposanteres zu machen.
Lukas hatte dann noch einmal eine andere Rolle. Er hat dafür gesorgt, dass aus all diesen unterschiedlichen Songs tatsächlich ein Album wird, das wie aus einem Guss klingt, obwohl zwischen dem ursprünglichen Songwriting einzelner Stücke teilweise bis zu 20 Jahre liegen. Und er hat mich durchaus herausgefordert. Er hat mich dazu gebracht, Teile komplett neu zu schreiben, Texte noch einmal anzugehen und mich nicht mit einer Version zufriedenzugeben, nur weil sie schon lange existiert.
Genau diese Kombination war für mich entscheidend: Ion hat meine musikalischen Ideen erweitert und Lukas hat dafür gesorgt, dass wir sie konsequent zu Ende denken. Diese Reibung und Zusammenarbeit haben „Still Here" ganz wesentlich zu dem Album gemacht, das es heute ist.
Wie schätzt du persönlich deine eigene musikalische Entwicklung während der vergangenen Jahre ein, was Songwriting und Produktion angeht?
Ich glaube, mein Songwriting ist über die Jahre bewusster geworden. Heute mache ich mir beim Schreiben viel mehr Gedanken darüber, was ich dem Zuhörer eigentlich mitgeben möchte. Gleichzeitig versuche ich, Dinge häufiger in Metaphern und Bilder zu packen. Meine Sprache ist dadurch wahrscheinlich bildlicher und weniger direkt geworden als früher.
Mir ist auch wichtiger geworden, Songs so zu schreiben, dass andere Menschen darin etwas von sich selbst finden können. Natürlich steckt immer noch meine Geschichte darin, aber im besten Fall hört jemand einen Song und denkt nicht nur: „Okay, das ist etwas, dass Crazykav erlebt hat", sondern erkennt darin ein eigenes Gefühl oder eine eigene Erfahrung.
Auch bei der Produktion hat sich für mich enorm viel verändert. Ich habe in den vergangenen Jahren unheimlich viel gelernt und kann meine eigene Vision heute wesentlich besser kommunizieren und umsetzen. Einerseits, weil ich besser verstehe, was technisch überhaupt möglich ist. Andererseits habe ich in diesem Prozess aber auch meine eigene musikalische Stimme besser gefunden. Ich kann heute viel konkreter sagen, wohin ich mit einem Song möchte und was ich brauche, damit ein Refrain, ein bestimmter Sound oder ein Instrument für mich funktioniert.
Trotzdem steckt noch immer sehr viel Gefühl in diesem Prozess. Manchmal kann ich technisch gar nicht genau erklären, was mir fehlt, und versuche dann eben, die Emotion zu beschreiben, die ich an einer bestimmten Stelle hören oder fühlen möchte. Aber mein Zugang ist definitiv technischer und bewusster geworden.
Vor zehn Jahren habe ich mich teilweise mit der Gitarre hingesetzt, ein bisschen herumgespielt, bis eine Melodie entstanden ist, mich in diese Melodie fallen lassen und einen Text dazu geschrieben. Oder ich hatte einen fertigen Text und habe die passende Melodie gesucht. Manchmal war ein Song nach 30 Minuten im Wesentlichen fertig. Diese intuitive Art zu schreiben gibt es bei mir immer noch. Aber bei einem Album wie „Still Here" hört die Arbeit heute nicht mehr an diesem Punkt auf. Der erste Songentwurf ist inzwischen viel mehr der Anfang eines Prozesses als das fertige Ergebnis.
Du hast einen Teil deiner Kindheit und Jugend in einem Kinderheim verbracht und beschreibst Musik als eine Sprache für Dinge, die du früher nicht aussprechen konntest. Gibt es auf „Still Here" einen Song, in dem du deinem damaligen Ich besonders nahekommst?
Das ist für mich definitiv „Chasing Dreams". Der Song ist wahrscheinlich einer der persönlichsten auf dem gesamten Album, weil darin sehr viele Dinge zusammenkommen, die mich in meiner Kindheit und Jugend geprägt haben.
Es geht um meine Beziehung zu meinem Vater, den ich nie wirklich kennengelernt habe, um meine Zeit im Heim, aber auch um einige sehr schwierige Phasen währenddessen und danach und letztlich um die Frage, was all diese Erfahrungen mit einem Menschen machen. In diesem Song bin ich meinem damaligen Ich wahrscheinlich näher als irgendwo sonst auf „Still Here".
Das Spannende ist aber, dass ich heute natürlich aus einer völlig anderen Perspektive darauf schaue. Ich bin nicht mehr dieser Junge, aber ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie sich vieles damals angefühlt hat. Und vielleicht ist genau das auch der Unterschied zu Songs, die ich früher darüber geschrieben hätte: Ich kann heute zurückblicken, ohne wieder vollständig in diesem Gefühl gefangen zu sein.
„Chasing Dreams" ist deshalb für mich nicht einfach nur ein Song über eine schwierige Vergangenheit. Es ist auch ein Song darüber, trotzdem weiterzugehen und sich von dem, was einem passiert ist, nicht definieren zu lassen. Und damit passt er eigentlich ziemlich gut zu dem Gedanken hinter „Still Here".
Im letzten Indie-Charts-Interview hast du von deinem Wunsch erzählt, irgendwann von deiner Musik leben zu können. Wie hat sich deine Situation seitdem entwickelt – und was hast du für die Zeit nach dem Abschluss dieser Album-Trilogie geplant?
Davon leben kann ich leider immer noch nicht, aber ich arbeite weiter daran. Dieser Wunsch ist also definitiv noch da.
Nach „Still Here" möchte ich aber erst einmal ein bisschen weg von diesem Gedanken, direkt das nächste große Albumprojekt planen zu müssen. Als Nächstes werden wahrscheinlich einige Singles kommen, und dabei möchte ich auch etwas ausprobieren, dass ich schon sehr lange nicht mehr gemacht habe: Ich werde wieder auf Deutsch singen.
Deutsch ist schließlich meine Muttersprache, trotzdem habe ich den Großteil meiner Musik bisher auf Englisch veröffentlicht. Natürlich bin ich auch gespannt darauf, ob die Songs dadurch vielleicht anders oder sogar besser bei den Menschen ankommen.
Konkrete Pläne, was daraus langfristig entsteht, habe ich aber noch nicht. Ich habe schon wieder sehr viele Ideen und experimentiere gerade einfach herum. Mit Sprache, Sounds und verschiedenen musikalischen Richtungen. Nach drei Alben, die für mich sehr eng miteinander verbunden waren, genieße ich diese Freiheit gerade sehr. Was dabei herauskommt, wird man dann wahrscheinlich im nächsten Jahr zu hören bekommen.
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